Montag, 22. Juni 2026
Small Talk über Heimtiere entspannt ängstliche Patient:innen
Ein Mediziner aus den USA empfiehlt in einer Fachpublikation für Chirurgie eine einfache und kostenlose Methode, um Angst und Anspannung im Behandlungszimmer zu lindern. Die Zauberworte heißen: „Haben Sie ein Tier zu Hause?“
Aktuelle Studien belegen, dass Ängste und Stresssymptome bei vielen Menschen auch nach der Coronapandemie anhalten. Das gilt auch für Patient:innen in Arztpraxen, wie der Radiologe Dr. David P. Fessell aus dem US-Bundesstaat Michigan beobachtet hat. Tatsächlich zeigt die Forschung zum sogenannten Weißkittel-Effekt, dass medizinische Umgebungen bei einem Teil der Patientinnen und Patienten Stressreaktionen auslösen können. Diese äußern sich nicht nur subjektiv durch Nervosität oder Unwohlsein, sondern lassen sich auch objektiv messen – etwa durch einen erhöhten Blutdruck oder eine gesteigerte Herzfrequenz. Fachleute gehen davon aus, dass dabei sowohl frühere Erfahrungen als auch die Erwartung einer Untersuchung oder Diagnose eine Rolle spielen. Umso wichtiger sind Strategien, die Vertrauen schaffen und dazu beitragen, die emotionale Belastung während eines Arztbesuchs zu reduzieren.
Deshalb empfiehlt Dr. Fessell in einem ungewöhnlichen Essay in der Fachpublikation „Annals of Surgery Open“ eine einfache und kostenlose Methode, um angespannte Patient:innen vor einem Eingriff oder einer Behandlung zu beruhigen: „Fragen Sie einfach nach eigenen Heimtieren“, schreibt der Arzt, der mittlerweile im Ruhestand ist. „Heimtierhaltung kann verschiedene positive Effekte auf die körperliche Gesundheit haben, beispielsweise einen niedrigeren Blutdruck. Aber was ich vor allem immer wieder erlebt habe, ist der psychische Entspannungseffekt, der sich in einem Lächeln und freudigen Geschichten zeigt.“
„Verbale Anästhesie“ vor ambulanten Eingriffen
Schon vor, aber besonders während der Coronapandemie seien solche Heimtier-Anekdoten die beste „verbale Anästhesie“, wie der Arzt es nennt, vor ambulanten Eingriffen gewesen. Diese Gesprächsstrategie bringt nach Dr. Fessells Erfahrung nicht nur Vorteile für die Patient:innen, sondern auch für das ganze medizinische Team – denn eine entspannte Person macht auch die Arbeit der Behandelnden leichter. „Während der Unterhaltung über das Tier zu Hause fühlt es sich für die Patient:innen an, als sei ihr Tier anwesend und würde ihnen Trost spenden – und das aus sicherer Entfernung, ohne Probleme mit Sterilität oder kleinen ‚Unfällen‘“, schreibt der Mediziner.
Natürlich sollte der behandelnde Arzt solche Gespräche aus fürsorglichem und ehrlichem Interesse führen. Als beste Methode empfiehlt Dr. Fessell zunächst eine unverfängliche Frage, beispielsweise nach der Fahrt zur Klinik, um eine Verbindung aufzubauen. Anschließend könne man etwas persönlicher werden und die Patient:innen nach seinen Heimtieren zu Hause fragen. „Bevor man sich versieht, ist man in der fröhlichen, tröstlichen und verbindenden Welt der Tiere angelangt (…). Manchmal kann man eine richtige Verschiebung der Energie im Raum fühlen, die Spannung lässt nach und das Gespräch läuft wie von selbst.“ Der Arzt vergleicht das Angebot einer Unterhaltung über Heimtiere mit dem Angebot einer warmen Decke im Behandlungszimmer: „Selbst, wenn die Patient:innen dankend ablehnen, spüren sie die Fürsorge. Man kann es in ihren Augen und in ihrer Körperhaltung sehen.“
Gespräch als wirksame Ergänzung zur Sedierung
So manche/r habe den positiven Effekt der Heimtier-Anekdoten sogar verbalisiert und darum gebeten, das entspannende Gespräch weiterzuführen. Nicht selten habe es am Ende der Behandlung geheißen: „Oh, Sie sind schon fertig?“ Dr. Fessell beschreibt, wie ihm diese Effekte immer und immer wieder die Befriedigung gegeben haben, sowohl die körperlichen als auch die mentalen Bedürfnisse seiner Patient:innen gestillt zu haben. Natürlich sei die Unterhaltung über Heimtiere kein tatsächlicher Ersatz für eine Sedierung, aber eine wirksame Ergänzung. Sollte eine Person keine Tiere halten, so sei eher ein Gespräch über Sport oder Hobbys angeraten. Auch die Erwähnung von Kindern oder Enkelkindern könne einen entspannenden Effekt haben – oft seien diese Beziehungen aber komplexer und riefen gemischte Gefühle hervor.
„Chance, sich empathisch mit Patient:innen zu verbinden“
Nur ein einziges Mal sei die Frage nach einem Heimtier nach hinten losgegangen – das geliebte Tier war gerade verstorben. „Dennoch war das eine Chance, sich empathisch mit dem Patienten zu verbinden und ein paar schöne Erinnerungen an das Tier hervorzulocken“, schreibt Dr. Fessell. Sein Rat an alle Ärzt:innen mit Patientenkontakt: „Tragen Sie immer ein paar Tierfragen in Ihrer Tasche. Verteilen Sie sie großzügig und genießen Sie die Effekte.“
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