Mittwoch, 19. August 2026
Tiere im Dienst der Nazi-Ideologie
Adolf Hitler und seine Schäferhündin Blondie, Hermann Göring mit seinem Löwenjungen: Die Betrachtung des Umgangs der Nationalsozialisten mit Tieren geht häufig mit einer Idealisierung einher. Damit bricht das neue Buch „Zucht und Züchtung – eine politische Tiergeschichte des ‚Dritten Reiches‘“ radikal. Es veranschaulicht, wie Tiere zu Projektionsflächen ideologischer Konzepte und zu Objekten politischer Kontrolle wurden.
Wenn vom Nationalsozialismus die Rede ist, stehen meist Menschen im Mittelpunkt der historischen Betrachtung. Welche Rolle Tiere in dieser Zeit spielten, wurde dagegen lange kaum erforscht. Das Buch „Zucht und Züchtung – Eine politische Tiergeschichte des ‚Dritten Reiches‘“ schließt diese Lücke und zeigt eindrucksvoll, wie eng Tiere, Politik und Ideologie zwischen 1933 und 1945 miteinander verflochten waren.
Das Herausgeber-Trio, die Anglistin Dr. Mieke Roscher und die beiden Historiker Prof. Dr. Christian Jaser und Prof. Dr. Nadir Weber, verstehen Tiere dabei nicht als bloße Randfiguren der Geschichte. Vielmehr beleuchten sie, wie Hunderttausende Hunde, knapp drei Millionen Pferde, aber auch Rinder, Schweine oder Wildtiere wie Seidenraupen, Wölfe und Hirsche aktiv in politische Programme eingebunden wurden. Wie sie als Symbole nationalsozialistischer Ideale dienten, für militärische Zwecke eingesetzt oder gezielt gezüchtet wurden, um Vorstellungen von „Reinheit“, Leistungsfähigkeit und Überlegenheit zu entsprechen. Die Geschichte der Tiere wird damit zugleich zu einer Geschichte der Herrschaft des NS-Regimes.
Rassistische Vorstellungen zeigen sich auch im Umgang mit Tieren
Ein zentrales Anliegen des Buches besteht darin, die traditionelle Trennung zwischen Menschen- und Tiergeschichte zu überwinden. Die Autor:innen argumentieren, dass sich die nationalsozialistische Gesellschaft nicht verstehen lässt, ohne die Rolle der Tiere mitzudenken. So prägten rassistische und biopolitische Vorstellungen nicht nur den lebensverachtenden Umgang mit Menschen, sondern auch Zuchtprogramme, Tierhaltung, Naturschutz und Veterinärmedizin. Tiere wurden Teil eines politischen Systems, das ihre Zucht, Nutzung und Symbolkraft ideologisch vereinnahmte.
Das Werk bricht anhand zahlreicher Belege und Beispiele mit dem häufig kolportierten Bild von den tierlieben Nazis. Denn auch Tiere wurden aufgrund von Rasse- und Spezieszugehörigkeit sortiert, privilegiert oder exkludiert, dienten also als verkörperte Beispiele des Rassendiskurses. Sie wurden nicht nur gezüchtet, sondern auch gezüchtigt: Im Detail beleuchtet das Werk unter anderem den lebensverachtenden Einsatz von Hunden und Pferden im Militär.
Tierbilder zwischen Kaiserreich und Nachkriegszeit
Besonders spannend ist der Perspektivwechsel, den das Buch vornimmt. Es fragt nicht nur, was Menschen mit Tieren taten, sondern auch, welche Bedeutung Tiere für politische Entscheidungen, gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen und Machtstrukturen hatten. Zudem nimmt es immer wieder Bezug darauf, wie nationalsozialistische Tierbilder mit früheren Entwicklungen besonders im Kaiserreich zusammenhingen und das Kriegsende überdauerten. Damit reiht sich der Band in die noch junge Forschungsrichtung der Tiergeschichte (Animal History) ein, die Tiere als historische Akteure ernst nimmt und neue Zugänge zur Vergangenheit eröffnet.
Mit über 500 Seiten ist „Zucht und Züchtung“ kein Buch für die schnelle Lektüre zwischendurch. Wer sich jedoch für die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung interessiert, findet hier eine ebenso fundierte wie innovative Gesamtdarstellung eines bislang wenig beachteten Forschungsfeldes.
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