Montag, 7. September 2026
Nähe mit Nebenwirkungen: Handaufgezogene Lämmer in der tiergestützten Intervention
Flaschengefütterte Lämmer können in der tiergestützten Intervention wertvolle Begegnungen ermöglichen. Gleichzeitig wirft ihr Einsatz ethische Fragen auf. Marianne Lüke vom Bundesverband Tiergestützte Intervention e. V. erklärt, warum Handaufzucht ausschließlich dem Tierwohl dienen darf – und nicht dem Ziel, besonders menschenbezogene Therapiebegleittiere zu erzeugen.
Weiches Fell, das zum Kraulen einlädt. Ein warmer Körper, der sich anschmiegt. Ein Fluchttier, das Vertrauen fasst. Lämmer können in der tiergestützten Intervention eine bedeutende Rolle einnehmen – besonders, wenn sie mit der Flasche von Hand aufgezogen wurden. „Häufig zeigen flaschengefütterte Lämmer eine hohe Nähebereitschaft gegenüber Menschen“, sagt Marianne Lüke, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Tiergestützte Intervention (BTI) e. V. „Das kann in bestimmten Arbeitsfeldern einen erleichterten Zugang ermöglichen.“
Die Sozialpädagogin und Fachfrau für tiergestützte Interventionen hat selbst solche Situationen beobachtet: Eine stark aufgewühlte Klientin, die angespannt am Rand eines Paddocks saß. Dazu kam ein Lamm, das sich ruhig neben sie legte. Die Frau fand durch die langsame Atmung und die entspannten Körpersignale des Tieres wieder in ihre eigene Ruhe zurück. „Der Moment, in dem das Lamm sichtbar entspannt war und die Klientin ohne Überforderung ankommen konnte, hat mich sehr berührt“, erinnert sich Lüke. Auch Menschen, die traumatisiert oder misstrauisch sind, können über solche Begegnungen sichere Beziehungserfahrungen machen und co-reguliert werden.
Verantwortung für Tiere hat Vorrang
Dennoch spricht sich Lüke klar dafür aus, flaschengefütterte Lämmer nur unter bestimmten Voraussetzungen einzusetzen. „Lämmer wirken auf viele Menschen sanft, unaufdringlich und nahbar“, sagt sie. „Gerade in sensiblen Arbeitsfeldern, in denen Vertrauen, Selbstregulation und sichere Beziehungserfahrungen zentrale Ziele sind, erscheinen sie auf den ersten Blick als geeignete Interaktionspartner.“ Entscheidend sei jedoch der zweite Blick. Denn dort, wo Nähe besonders leicht entsteht, wachse auch die Verantwortung, erläutert Lüke: „Flaschenaufzucht berührt zentrale Fragen des Tierwohls, der Entwicklungsbiologie und der Ethik: Wurde die Handaufzucht notwendig, um ein Tier zu retten – oder wird sie gezielt herbeigeführt, um therapeutische Nutzbarkeit zu erzeugen? Welche Folgen können frühe Trennungs- und Aufzuchtbedingungen für Stressregulation und Verhalten haben? Und welche Anforderungen ergeben sich daraus für ein professionelles, qualitätsgesichertes Setting?“
Tiere sind keine therapeutischen Instrumente
Diese Fragen sind aktueller denn je. Jedes Frühjahr gibt es mediale Berichterstattung über die Flaschenaufzucht von Lämmern und deren vermeintliche therapeutische Effekte. Dabei kann der Eindruck entstehen, dass es ethisch vertretbar sei, ein Lamm gezielt von der Mutter zu trennen. „Das ist es nicht“, stellt sich Lüke vehement dagegen. Sie plädiert dafür, dass das Tierwohl gemäß der Devise des internationalen Dachverbands für tiergestützte Interventionen IAHAIO nicht nachgeordnet, sondern konzeptionell leitend sein muss. „Tiere sind keine therapeutischen Instrumente und eine bewusste Trennung von Muttertier und Lamm zur Erzeugung besonders menschenbezogener Tiere ist fachlich und ethisch nicht vertretbar“, stellt Lüke klar. „Flaschengefütterte Lämmer sollten in der tiergestützten Intervention ausschließlich dann eingesetzt werden, wenn die Aufzucht aus Tierschutzgründen zwingend notwendig war – beispielsweise, weil das Muttertier das Lamm nach der Geburt verstoßen hat oder aus anderen Gründen nicht selbst versorgen konnte.“
Lämmer lernen von ihrer Herde
Das ist auch im Sinne einer erfolgreichen tiergestützten Intervention. Denn ein Einsatz in therapeutischen Settings kann für Tiere anstrengend sein. Gerade vor diesem Hintergrund ist die frühe Sozialisation für Lämmer zentral: In der Interaktion mit Muttertier und Herde erwerben sie wichtige artspezifische Verhaltenskompetenzen. Dazu gehören Distanz- und Beschwichtigungssignale, Impulskontrolle und sich in gruppendynamische Prozesse wie Abstandsregeln einzugliedern. „Diese Lernprozesse unterstützen das Tier dabei, seine artspezifischen Bedürfnisse wie Nähe, Sicherheit oder Erkundung sozialverträglich zu regulieren“, erklärt Lüke. „Für tiergestützte Settings ist dies relevant, weil in eine Herde gut inte-grierte Lämmer häufig berechenbarer sind und sich von sozialen Situationen schneller erholen.“ Handaufzucht sei daher nicht automatisch mit besonderer Eignung für tiergestützte Arbeit gleichzusetzen.
So könnte der Einsatz flaschengefütterter Lämmer aussehen
- Flaschenaufgezogene Lämmer dürfen nur in tiergestützte Interventionen integriert werden, wenn die Handaufzucht aus Tierschutzgründen unvermeidbar war. Primäres Ziel ist nicht die maximale Menschenfixierung, sondern eine Gewöhnung an menschliche Nähe bei gleichzeitig tiergerechter Integration in eine Herde sowie Ruhe- und Rückzugsoptionen.
- Vor einem Einsatz erfolgt eine tierärztliche und verhaltensorientierte Eignungs- und Belastungseinschätzung. Diese betrifft den Gesundheitszustand, die Schreckhaftigkeit, die Erholungsfähigkeit sowie eine stabile Nähe-Distanz-Regulation gegenüber Menschen.
- Für die Durchführung ist eine klare Rollenverteilung zentral: Eine tierhaltungsfachkundige Person beobachtet das Tier kontinuierlich und hat die Entscheidungshoheit über Pausen und Abbruch. Die therapeutische Fachkraft verantwortet Indikation, Prozessgestaltung und die Sicherheit der Klient:innen.
- Die begrenzten Einsatzzeiten sind an Alter, Entwicklungsstand und Tagesform des Lamms angepasst. Sinnvoll sind kurze, klar strukturierte Einheiten mit Erholungsphasen sowie ein reizarmes, vorhersehbares Setting mit Rückzugsmöglichkeiten. Regelmäßige interdisziplinäre Reflexion könnte helfen, schleichende Grenzverschiebungen – beispielsweise eine zunehmende Einsatzdichte trotz Belastungsanzeichen – frühzeitig zu erkennen.
Den Fachartikel „Flaschengefütterte Lämmer in der tiergestützten Intervention“ mit Literaturverzeichnis stellt Marianne Lüke auf ihrer Website www.cura-canis.com/publikationen zum kostenlosen Download bereit.
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