Montag, 7. September 2026
„Wunsch, mehr Lebenszeit mit Tieren zu verbringen“
Heimtiere prägen den Alltag von Millionen Menschen. Trotzdem spielten sie in der Soziologie bislang kaum eine Rolle. Diese Lücke wollen Prof. Dr. Kerstin Jürgens und ihr Team von der interdisziplinären Forschungsgruppe „Tier – Mensch – Gesellschaft“ der Universität Kassel schließen. Die Ergebnisse ihrer Studie sind im Buch „Leben und Arbeiten mit Tieren“ erschienen.
Was war das Ziel Ihrer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützten Studie?
Wenn Tiere so offenkundig das Leben von Menschen beeinflussen, dann müssen sie auch Bestandteil der Gesellschaftsanalyse sein. Menschen leben aus sehr unterschiedlichen Motiven heraus mit Tieren zusammen. Deshalb wollten wir direkt zur Frage vorstoßen, warum Tiere überhaupt eine so besondere Bedeutung für Menschen haben. Uns interessierte, wie es dazu kommt, dass ein Tier als Gefährte erlebt wird. Dafür haben wir mit 63 Halter:innen verschiedenster Tierarten Interviews durchgeführt. Und weil an ganz vielen Stellen auch Dienstleister:innen involviert sind, haben wir aus diesem Kreis auch 33 Personen befragt.
Welche Ergebnisse mit Blick auf Dienstleistungen haben Sie am meisten überrascht?
Schon im ersten Zugang haben wir festgestellt, dass fast alle angefragten Dienstleister:innen auch privat mit Tieren zusammenleben. Wir haben deshalb die Auswahl auf dieses Merkmal hin ausgeweitet. Das war spannend, weil wir dadurch die Werdegänge und die wechselseitigen Einflussnahmen von Mensch und Tier nachzeichnen konnten. Die meisten Befragten sind mit Tieren aufgewachsen und haben besondere Umgangsweisen entwickelt, ein „Gespür für Tiere“, wie sie selbst sagen. Daraus haben sich besondere Fähigkeiten im Umgang mit Tieren ergeben. Vor allem aber entstand der Wunsch, mehr Lebenszeit mit Tieren zu verbringen. Viele beschrieben, dass sie zunächst, meist aufgrund sozialen Drucks, andere Berufe gewählt hatten. Letztlich sind sie dann aber in die Tierdienstleistung gewechselt. Ihre Lebensläufe zeigen, wie Tiere immer bedeutsamer werden für einen Menschen – und welche Mühen und Kosten sie dafür in Kauf nehmen.
Was schlussfolgern Sie daraus?
Heimtierhaltung ist eine Lebensform, die den Alltag von Millionen von Menschen prägt. Es ist davon auszugehen, dass viele Menschen die Wohnverhältnisse, Stadtgestaltung oder Dienstleistungsangebote als unzureichend für ihr Leben mit Tier empfinden. Oft fehlen Angebote zur Unterstützung. Noch weit problematischer ist, dass sich auf dem Markt auch Personen ohne wirkliche Expertise tummeln. Hier wären Qualitätsstandards hilfreich.
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