Beitrag Mensch&Tier

Dienstag, 14. Januar 2014

Beim Stichwort „tiergestützte Therapie“ denken die meisten Menschen zunächst an den Einsatz von Hunden oder Pferden. Tatsächlich ist das Feld aber sehr facettenreich: Zwölf verschiedene Tierarten setzt beispielsweise Ingrid Stephan, Sozialpädagogin und Leiterin des Instituts für soziales Lernen mit Tieren bei Hannover, in ihrer tiergestützten Arbeit ein. Jede Tierart hat ihre Vorteile bei bestimmten Krankheitsbildern. Ein Gespräch zum Auftakt der neuen Serie „Welches Tier für welchen Klienten?“.

Frau Stephan, mit welchen Tierarten arbeiten Sie auf Ihrem Hof?

Wir setzen Esel, Schafe, Ziegen, Minischweine, Ponys, Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Kaninchen, Kühe, Hühner und Gänse ein. Manchmal ist aber die
Wesensart eines Tieres viel wichtiger als die Tierart. Da könnte ein Schaf genauso viel bewirken wie eine ruhige alte Hündin. Vor der tiergestützten Arbeit frage ich mich also: Welches Ziel möchte ich mit dem jeweiligen Klienten erreichen? Welche Kompetenzen will ich fördern? Erreiche ich dieses Ziel eher mit einem geduldigen, einem kontaktsuchenden oder einem Tier, das Grenzen setzt?

 

Hunde bieten ein hohes Maß an Kommunikation, sind sehr flexibel und wollen dem Menschen meistens gefallen. Wofür braucht man die anderen Tierarten überhaupt?

Hunde sind sicherlich ein wichtiger Stützpfeiler der tiergestützten Therapie und Pädagogik. Viele bieten sich für Übungen geradezu an – und zwar mit authentischer Begeisterung, weil sie gern in Beziehung gehen und den Kontakt zum Menschen suchen. So mancher hat aber schon schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht und fürchtet sich vor ihnen. Eine andere Tierart kann dann einen besseren Einstieg bieten. Auch ein autistischer Mensch wäre mit der überschwänglichen Kontaktaufnahme eines jungen, fröhlichen Hundes überfordert. Hier würde man eher ein Tier wählen, das zurückhaltend ist und Distanz wahrt.

Apropos Grenzen: Welche Tiere würden Sie für die Arbeit mit verhaltensauffälligen Jugendlichen auswählen?

Schafe sind sehr gute Lehrer, wenn es darum geht, sich zugunsten einer Gruppe als Individuum zurückzunehmen. Möchte ich mit einer Gruppe junger Männer auf einen freundlichen Umgang miteinander, auf Achtsamkeit und das Einhalten von Regeln hinarbeiten, bieten sich zum Beispiel Gänse an. Die Tiere achten auf innerartliche Höflichkeiten und würden durch Körpersprache, also durch Zischen und Halsrecken, deutlich Bescheid sagen, was sie von einem lauten und grenzüberschreitenden Auftreten der menschlichen Besucher halten.

Würden die Jugendlichen dadurch nicht vom Tierkontakt abgeschreckt?

Natürlich wollen wir, dass die Interaktion der Jugendlichen mit den Tieren positiv verläuft. Wir wählen die Tiere nicht, weil sie furchteinflößend sind – sondern weil sie so gute Lehrer sind. Deshalb besprechen wir zuerst die charakterlichen Eigenheiten der Tiere und die Regeln der höflichen Annäherung.

Was ist der Lerneffekt?

Für die Teilnehmer ist es etwas ganz Besonderes, wenn so ein Tier freiwillig bei ihnen bleibt, weil sie die richtigen Umgangsformen gewählt haben. Das lässt sich auf menschliche Interaktionen bestens übertragen: Meist verstehen die Jugendlichen schnell den Zusammenhang zwischen ihrem Auftreten und dem Aufbau von Beziehungen. Sie verstehen, dass auch menschliche Freunde nur bei ihnen bleiben, wenn sie sich um eine Bindung bemühen und Regeln der Höflichkeit einhalten.

Haben Nutztiere einen Vorteil gegenüber Heimtieren?

Nutztiere machen immer neugierig. In Zeiten von Intensivtierhaltung sind die wenigsten Menschen bereits mit Schweinen, Kühen oder Hühnern in Kontakt gekommen. Größere Tiere wie Kaltblutpferde oder Kühe können auch deutlich respekteinflößender sein als ein Kaninchen. Nutztiere bieten zudem eine wunderbare Möglichkeit, über Zusammenhänge in der Natur zu reden, über biologische Kreisläufe und die Art, wie wir die unterschiedlichen Tierarten wahrnehmen – die einen als Fleischlieferanten, die anderen als Familienmitglieder.

Kontakt:
Institut für soziales Lernen mit Tieren
Ingrid Stephan
Dorfstraße 6, 29690 Lindwedel
05073/92 32 82 (Mo-Fr 8.30-12.30 Uhr)
info@lernen-mit-tieren.de, www.lernen-mit-tieren.de