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Mittwoch, 26. Juni 2024

Tierkontakt stärkt belastete Jugendliche

Hund, Pferd, Lama, Meerschweinchen: Tiergestützte Interventionen sind keine exotische Seltenheit mehr in der sozialpsychologischen Arbeit. Ihnen wird oft besonderes Wirkpotenzial zugeschrieben – laut wissenschaftlicher Beobachtung auch in the-rapeutischen Wohngruppen für Jugendliche.

Die Klientel hat besondere Bedürfnisse: junge Menschen, die Vernachlässigung, Gewalt, Beziehungsabbrüche oder Traumata erfahren haben oder psychologisch oder psychiatrisch erkrankt sind. In einem Praxisforschungsprojekt hat eine interdisziplinäre Gruppe von deutschen Experten aus Wissenschaft und Praxis ein tiergestütztes Konzept für hoch belastete junge Menschen entwickelt und praktisch untersucht. Das Ziel: die psychische Belastung senken, das Selbstwertgefühl und Vertrauen steigern und die Probanden befähigen, ihre Emotionen zu kontrollieren und das eigene Leben zu bewältigen.  

Studie in Berlin und Brandenburg

Die Idee therapeutischer Wohngruppen mit einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung ist, Therapie und Pädagogik eng zu verzahnen, um auf dem Weg zurück ins selbstgestaltete Leben besser zu unterstützen. Im Berliner Programm sollten tiergestützte Interventionen mit ausgebildeten Therapiebegleithunden Veränderungen anstoßen, ohne zu überfordern oder zu retraumatisieren.
Insgesamt 39 junge Freiwillige zwischen 15 und 26 Jahren aus sechs Einrichtungen in Berlin und Brandenburg nahmen teil, davon 18 in der Test- und 14 in der Kontrollgruppe. Das Programm dauerte acht Wochen und umfasste 16 Treffen vor Ort in den Wohngruppen. 

Verbesserte Emotionskontrolle bei Jugendlichen

Beim „Kofferpacken“ und einem „Menschenparcours“ beispielsweise – einer Apportier- beziehungsweise einer Hindernisübung, die Mensch und Hund gemeinsam durchführen – ging es darum, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit sowie Vertrauen zu sich und der Gruppe zu entwickeln und eigene Gefühle sowie die anderer besser wahrnehmen und ausdrücken zu können.  
 
Vor und nach dem Programm wurden die Jugendlichen, die Fachkräfte für tiergestützte Interventionen sowie die Sozialarbeiter schriftlich befragt. Zudem gab es Gruppendiskussionen und Videoaufzeichnungen der Sitzungen wurden analysiert. 

Hinsichtlich ihrem Selbstwert, der psychischen Belastung sowie dem Vertrauen in die Selbstgestaltung und Bewältigung des eigenen Lebens zeigten sich keine Unterschiede zwischen Kontroll- und Testgruppe – dafür umso mehr, was die Emotionskontrolle und Gemütslage betrifft: Die Testgruppe erlebte häufiger positive Stimmungen und Motivationen und die Teilnehmer hatten sich selbst besser im Griff.

„Dass man halt nicht schreit [und] alles mit Nettigkeit machen kann“, überraschte eine Teilnehmerin. Solch sanftere Tonlagen kosteten viele zunächst Überwindung. Stolz machte dann, dem Hund etwas mitzugeben: „Sie hat von uns einen neuen Trick gelernt.“ Spannend schien auch, dass Hunde auch Fehler machen und sie selbst sein dürfen: „Sie hatte manchmal kein’ Bock und hat sich […] in die Ecke gelegt.“ Der Abschlussbericht belegt zudem, dass viele die guten Erfahrungen in das alltägliche Miteinander in der Wohngruppe mitnahmen. Sie könnten anderen besser zuhören und sie leichter als vorher verstehen, so einige Stimmen: „Ich schaffe es mittlerweile problemlos, auch andere Leute anzusprechen.“ 

„Hunde vollbringen wahre Wunder“

Damit das Programm gelingt, braucht es einen bestimmten Rahmen. Im Berliner Fall lag die Aufsicht bei einem Tandem aus einer Kraft der Wohneinrichtung sowie der Fachkraft für tiergestützte Interventionen. 

Der Raum muss ausreichend groß sein mit einem eher rauen Boden, damit weder Mensch noch Tier ausrutschen. Draußen zu arbeiten, wäre möglich, doch dort gibt es mehr Ablenkungen. Zu beachten sind auch mögliche Konflikte, etwa wenn sehr raumeinnehmende Jugendliche dabei sind. Für sie empfehlen sich eher Einzelsitzungen als Gruppentreffen, so der Abschlussbericht von 2021.

Demzufolge würden manche Teilnehmer das Programm wiederholen, vielleicht mit neuen Übungen oder sogar fest in den Alltag der Wohngruppen integriert – gerade mit Blick auf Krisenzeiten: „Da vollbringen Hunde […] wahre Wunder.“

Alice Salomon Hochschule Berlin | Prof. Dr. Sandra Wesenberg | wesenberg@remove-this.ash-berlin.eu | www.ash-berlin.eu