Beitrag Mensch&Tier

Montag, 27. September 2010

Die Tiergestützte Therapie findet immer größere Anerkennung. Wissenschaftliche Studien belegen die Wirksamkeit Tiergestützter Therapien für die verschiedensten Zielgruppen. Und so wächst das Angebot an Therapiemöglichkeiten und Ausbildungsinstitutionen stetig. Interessierte Laien und potenzielle Patienten werden vor die Aufgabe gestellt, unter der Fülle von Angeboten, die für die individuellen Bedürfnisse passende Maßnahme zu finden. Mensch&Tier sprach über diese Situation mit Ingrid Stephan, Leiterin des Instituts für soziales Lernen mit Tieren, das seit 1994 Tiergestützte Maßnahmen anbietet.

1. Welche Kriterien müssen die Therapeuten bzw. Pädagogen für den Einsatz in der Tiergestützten Therapie erfüllen?


Meiner Meinung nach ist eine enge und gute Beziehung zwischen Therapeut bzw. Pädagoge und Tier unerlässlich für eine professionelle und erfolgreiche Intervention. Zudem sollte der Therapeut eine Zusatzausbildung in dem Bereich Tiergestützte Therapie, Pädagogik und Fördermaßnahmen haben. Das Wissen zum Beispiel um Ethologie, Tierschutzaspekte oder Hygienebestimmungen zeichnet gute Qualität aus.



2. Welche Tiere eignen sich besonders gut für die Tiergestützte Arbeit? Welche Eigenschaften müssen die Tiere mitbringen?


Die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind sehr verschieden. Genauso verschieden sind ihre Bedürfnisse und ihre Möglichkeiten, Beziehungen zu Tieren aufzubauen. Jede Tierart hat besondere Eigenschaften, die helfen, auf diese Unterschiede einzugehen. Daher möchten wir uns auf keine Tierart festlegen. Wir selbst arbeiten zum Beispiel mit 16 verschiedenen Tierarten, darunter auch Esel, Ziegen und Hühner. Jedes Tier bringt besondere Talente mit, in diesem Rahmen sollten die Tiere letztendlich eingesetzt werden. Wichtig ist, dass das Tier Freude an der Arbeit und einen positiven Bezug zu Menschen hat. Außerdem sollten die Tiere behutsam auf ihre Aufgaben vorbereitet werden.


3. Wird sich die Arbeit mit Tieren im therapeutischen bzw. sozialen Bereich in den kommenden Jahren verändern? Wenn ja, wie?


Ich befürchte, dass auch in Zukunft die Entfremdung des Menschen zur Natur und zu den Tieren zunehmen wird. Es werden weniger Möglichkeiten bestehen, mit der belebten und unbelebten Umwelt in Kontakt zu treten. Gleichzeitig steigt jedoch das Bedürfnis der Menschen, Tiere zu erleben. Immer mehr Institutionen im sozialen, pädagogischen und therapeutischen Bereich öffnen sich der Tiergestützten Arbeit und nehmen diese in ihr Konzept auf. Nachfrage und Angebot werden steigen und es wird meiner Meinung nach schwieriger werden, professionelle Anbieter zu erkennen. Als Interessent sollte man sich daher immer zuerst nach dem Ausbildungsweg des Anbieters erkundigen.



4. Wo sehen Sie in den nächsten Jahren den größten Handlungsbedarf?


Durch das wachsende Angebot sehe ich den größten Handlungsbedarf im Qualitätsmanagement. Die Tierschutz-Gesetze müssen auch in den Arbeitsbereichen Tiergestützte Pädagogik, Therapie und Fördermaßnahmen Anwendung finden und ihre Umsetzung muss regelmäßig kontrolliert werden. Anbieter sollten über ein hohes Maß an Fachwissen verfügen. Deshalb ist die Erarbeitung von Qualitätsstandards besonders wichtig. Die Organisation ISAAT (International Society for Animal Assisted Therapy) wird hier eine wichtige Aufgabe zu erfüllen haben. Gemeinsam mit Kollegen erarbeite ich gerade „Leitlinien für Tiere im sozialen Einsatz“.



5. Was können Sie Interessierten, die in dieses Berufsfeld einsteigen möchten, an Ratschlägen auf den Weg geben?


Einsteigern empfehle ich, zuerst Seminare zur Orientierung zu besuchen, um das Arbeitsfeld der Tiergestützten Therapie, Pädagogik und Fördermaßnahmen kennenzulernen. Sie sollten sich gut überlegen, mit welchen Tierarten sie gerne zusammenarbeiten möchten und welche Tierarten gut zu ihren Klienten passen. Auch wenn es wissenschaftlich bewiesen ist, dass Tiere einen positiven Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit des Menschen haben, muss einem stets bewusst sein, dass das Tier nicht die Rolle des Therapeuten einnimmt, sondern ein unterstützendes Medium zwischen Klient und Therapeut bleibt.

Dipl. soz. päd. Ingrid Stephan hat 1994 das Institut für soziales Lernen mit Tieren gegründet. Den größten Bereich der Tiergestützten Interventionen stellt die Arbeit mit Menschen mit autistischen Zügen dar sowie die Arbeit mit SchülerInnen von Lernhilfeschulen. Außerdem führt das Institut Tiergestützte Maßnahmen in (Kinder-)Krankenhäusern, Wohnheimen für geistig- und seelenpflegebedürftige Menschen und in integrativen Schulen durch.
Seit 2001 bietet das Institut für Soziales Lernen mit Tieren eine berufsbegleitende Weiterbildung für Personen an, die ihre therapeutische, heilende und pflegende, pädagogische oder soziale Arbeit durch Tiere begleiten und unterstützen wollen. Diese Weiterbildung wurde nach den Qualitätskriterien der ISAAT anerkannt.

Weitere Informationen und Kontakt:
E-Mail: info@remove-this.lernen-mit-tieren.de
www.lernen-mit-tieren.de