Beitrag Mensch&Tier

Foto: Sandra Hamm

Mittwoch, 03. Dezember 2025

Ratten bauen Brücken

Vier Rattendamen und eine Pädagogin haben es sich in Nordrhein-Westfalen zur Aufgabe gemacht, Vorurteile zu widerlegen und Verbindung zu schaffen. Die pädagogischen Effekte in der Kinder- und Jugendarbeit sind vielfältig.

Die kleine Betty ist eine richtige Draufgängerin. Sie hat dunkelbraune Haare, einen wachen Blick und liebt es, im Mittelpunkt zu stehen – die perfekte Persönlichkeit, um Kinderherzen zu gewinnen und Vorurteile umzukehren. Das ist einer ihrer vielen Jobs in der Rattengruppe von Melissa Fittig.

„Die Ratten sind Beziehungsbrücken und ehrliche Spiegel“

Die Diplompädagogin und systemische Beraterin aus Nordrhein-Westfalen besucht mit ihren vier Rattendamen regelmäßig Kinder aus der Jugendhilfe zwischen sechs und zwölf Jahren, die auf verschiedenen Ebenen Unterstützung brauchen: beim Sozialverhalten, beim Selbstwertgefühl, mit anderen Kindern in Kontakt zu kommen, motorisch geschickter zu werden oder die eigenen Gefühle besser zu regulieren. „Ich möchte mit meiner tiergestützten pädagogischen Arbeit Kindern und Jugendlichen einen sicheren, wertschätzenden Raum bieten, in dem sie sich selbst erleben, wachsen und entwickeln können“, beschreibt Melissa Fittig ihre Ziele. „Die Tiere sind dabei mehr als nur Begleiter. Sie sind Beziehungsbrücken, Impulsgeber und ehrliche Spiegel.“ Für Gruppentermine sind Ratten ideal: Die meisten lieben den Kontakt mit Menschen, sie werden schnell zutraulich, sie klettern gern und lassen sich füttern. Nicht zuletzt sind sie einfach zu transportieren und lassen sich von fremden Umgebungen nicht einschüchtern, sofern sie entsprechend trainiert sind. Trotzdem begegnen sie immer wieder Skepsis und Vorurteilen – vor allem von Eltern, aber auch von den kleinen Teilnehmern der Gruppensitzungen. „Es gibt kaum ein Tier, was mehr polarisiert als die Ratte“, sagt Melissa Fittig – ein wunderbarer Anlass, um ins Gespräch zu kommen, Respekt und Achtsamkeit zu üben. 

„Selbst schlecht regulierte Kinder nehmen Rücksicht“

Zwei Handpuppen helfen dabei, die Kinder auf das Treffen mit den vier Ratten vorzubereiten: Ein hässliches, gefährlich aussehendes Stofftier steht für die Ratte, die dem verbreiteten Vorurteil zufolge Krankheiten überträgt und seit Jahrhunderten verabscheut wird. Mit einer zweiten realitätsnahen, niedlichen Stoffratte bereitet Fittig die Kinder anschließend darauf vor, Betty, Mae, Milli Vanilli und Merry Christmas kennenzulernen – mitsamt der Regeln, die für die Begegnung mit lebenden Tieren gelten. Regeln, die bereitwillig auch Kinder befolgen, die sonst keine Grenzen akzeptieren.

Beim Bau eines Auslaufs für die vierbeinigen Besucher können sich die Kinder in puncto Teamarbeit bewähren. Der Auslauf ist meist auf einem Tisch aufgebaut, sodass ängstliche Teilnehmer einfach zurücktreten und zunächst aus der Entfernung beobachten können. Mutige Kinder dürfen den Ratten ihre Hände zum Erkunden hinstrecken und kleine Leckerchen reichen. Das klappt oft erstaunlich gut: „Selbst sonst laute und schlecht regulierte Kinder sind hochmotiviert, auf die empfindsamen Sinne der Tiere Rücksicht zu nehmen“, sagt Fittig. „Und die geringe Körpergröße und die freundliche Ausstrahlung der Ratten ermöglichen auch schüchternen oder reizempfindlichen Kindern eine Annäherung im eigenen Tempo.“

„Die Ratten schaffen Aha-Momente“

Rattendame Betty ist in der Regel die erste, die die Kinder begrüßt. Sie erkundet mit ihrem rosa Näschen und den hellen Barthaaren den Geruch der kleinen Besucher, kostet die kulinarischen Mitbringsel und freut sich, wenn sie einen Arm hochklettern und auf einer Schulter Platz nehmen darf. Wer ganz besonders mutig ist, darf sich auf den Boden legen und sich von vielen kleinen Füßchen eine Ratten-Massage geben lassen. 

„Die Ratten ermöglichen Nähe im kleinen Rahmen, fördern Feinfühligkeit und schaffen überraschende Aha-Momente – gerade bei Kindern mit Unsicherheiten, Ängsten oder Vorurteilen“, sagt Fittig. Die anfängliche Skepsis der Kinder kehrt sich oft um in Reflexion und Wissensdurst: „Die Vorstellung vom Rattenschwanz beispielsweise macht den Kindern Angst, bevor sie ihn zum ersten Mal sehen und anfassen dürfen. Dann kommt die Neugier: Wie sieht der Schwanz wirklich aus, wie fühlt er sich an, wie geht es dem Kind bei der Berührung? So kommen wir schnell über die eigene Wahrnehmung und Gefühle ins Gespräch. Die Beobachtungen lassen sich auch auf Alltagssituationen in der Familie oder in der Schule übertragen. Wenn aus dem Kontakt dann Mut, Neugier und sogar Zuneigung entstehen, erleben Kinder ganz konkret, dass es sich lohnt, eigene Bilder und Vorurteile zu hinterfragen. Das ist ein sehr starker pädagogischer Effekt, der mit kaum einer anderen Tierart erreicht werden kann.“

„Immer mehr Jugendämter sind offen dafür“

Wenn Betty und ihre Freundinnen nach einer Stunde wieder nach Hause fahren, sind die Kinderherzen beseelt. Viele der Teilnehmer berichten ihren Eltern begeistert von der Erfahrung, mit einer lebendigen Ratte zu spielen. „Mittlerweile sind immer mehr Jugendämter offen für tiergestützte Interventionen in der Kinder- und Jugendarbeit“, berichtet Fittig. Das freut die Menschenfreundin Betty besonders. Ihr nächster Einsatz darf kommen.

Systemische Pfoten | Melissa Fittig | systemischepfoten@remove-this.mail.de | www.systemischepfoten.de

Seminare und Beratung
Wer praxisnahe Tipps zum sozialen Einsatz von Ratten braucht, erhält diese in den Seminaren von Melissa Fittig. Darin verknüpft sie Wissen über die Haltung und die tiergestützte Arbeit mit Ratten mit einem systemischen Blick auf Beziehungen, Rollen und Ressourcen – online als Webinar oder vor Ort.