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Mittwoch, 26. Juni 2024

Katzen unterstützen junge Autisten

Tiergestützte Interventionen etablieren sich immer mehr als Ergänzung zu hergebrachten Therapien – unter anderem bei Menschen mit Autismus, auch Kindern und Jugendlichen. Wenig bekannt hingegen ist, wie sich ein eigenes Heimtier auf Betroffene im Kindesalter auswirkt. Eine Einzelfallstudie aus Großbritannien hat dies beleuchtet.

Autistische Kinder haben es oft schwer. Viele haben Probleme, sich mitzuteilen oder andere zu verstehen. Sie brauchen mehr und strengere Routinen als andere Kinder. Und sie reagieren anders auf äußere Reize: Manche sind eher wenig sensibel und ignorieren beispielsweise Gefahren. Andere schäumen schon bei Kleinigkeiten über. Das bedeutet für die ganze Familie mehr Sorge, Stress und Erschöpfung.

Katzen als Heimtiere für autistische Kinder?

In der Regel gehen betroffene Kinder regelmäßig zu einer ambulanten Therapie. Dabei kommen immer öfter auch tiergestützte Interventionen zum Einsatz. Hunden und Pferden etwa wird zugeschrieben, Stress und Angst zu reduzieren. Über Kleintiere in der Familie wie Hamster, Meerschweinchen oder auch Katzen hingegen ist diesbezüglich weniger bekannt. 

Eine Einzelfallstudie aus Großbritannien hat nun die Erfahrungen aus der Corona-Zeit von sechs Familien mit autistischen Kindern zusammengetragen. Bei allen haben die Kita- und Schulschließungen dem Nachwuchs stark zugesetzt. Wissenschaftlerinnen rund um Dr. Saskia Keville von der Abteilung Lebens- und Medizinwissenschaften der Universität von Hertfordshire haben hierzu die Mütter befragt. Die Gespräche wurden aufgezeichnet, codiert und dann qualitativ ausgewertet. 

Weniger Aufruhr, mehr Mitgefühl, viel Trost

Alle Mütter berichteten, dass die Familien während der Corona-Pandemie mit stärkerer Angst bei ihren autistischen Kindern umgehen mussten. Eine schildert sogar drastische Not: „Der Angstlevel war ständig hoch. Er brauchte Medikamente und wir waren dreimal bei der Beratung, weil er einfach nicht klarkam. Wir hatten es mit Spaziergängen versucht, aber nach einer halben Runde verfiel er in Panik und dachte, er müsse sterben.“ 

Die eigenen Katzen hätten dabei „beruhigend“ oder auch „tröstend“ auf die Kinder gewirkt, berichteten die Mütter. Die Tiere hätten die Emotionslage stabilisiert und so geholfen, mit überbordenden Gefühlen umzugehen. Sie hätten ein Gefühl von Partnerschaft vermittelt. Der Umgang mit dem Tier habe bei den Kindern auch die Empathiefähigkeit gestärkt. „Autisten können sehr selbstsüchtig sein. Ich meine, der Kontakt mit der Katze zügelt sie darin ein wenig. Sie versteht besser, dass auch andere Bedürfnisse haben“, sagte die Mutter einer Tochter. 

Charakter der Katze ist entscheidend

Selbstverständlich spielt auch der Charakter der jeweiligen Hauskatze eine Rolle. Geeignet seien vor allem Tiere, die sich sehr sozial verhalten und ein eher ausgeglichenes Temperament mitbringen, schreiben die Wissenschaftlerinnen in der Studie. Dann sei die Chance groß, dass das Tier „mit einigen autistischen Schrullen viel besser zu Rande kommt als mit denen anderer Menschen“, so eine Stimme aus den Interviews.

Zwar hatten die Kinder der sechs befragten Familien anfangs alle kein oder allenfalls kaum Interesse an der Katze gezeigt. Mit der Zeit aber seien jeweils ganz spezielle Bindungen gewachsen. 

Insgesamt scheinen sich Katzen also ebenso gut für autistische Kinder zu eignen wie Hunde. Manchmal sogar besser – zum Beispiel, wenn das Kind lautes Bellen eher als unangenehm empfindet oder wenn es ungern nach draußen gehen mag. Dann ist auf jeden Fall auch die Katze als Heimtier eine gute Wahl.

University of Hertfordshire l School of Life and Medical Sciences l Department of Psychology l Dr. Saskia Keville l s.keville@remove-this.herts.ac.uk l Dr. Amanda K. Ludlow l a.ludlow@remove-this.herts.ac.uk