Beitrag Mensch&Tier

Prof. Dr. John Dittami (geb. 1949 in Boston, USA) ist Leiter des Departments für Verhaltensbiologie der Universität Wien. In seinen Forschungen beschäftigt er sich seit den 1980er Jahren mit der Frage, wie physiologische Zustände Verhalten beeinflussen und umgekehrt. Dieser Frage geht er auf den Gebieten des Sozial- und Sexualverhaltens und des Stressmanagements nach. Er widmet sich aber auch der Schlaf- und Geriatrieforschung. Zudem arbeitet Dittami zurzeit intensiv am Aufbau eines Kognitionszentrums in Wien.

Mittwoch, 04. November 2009

Hormone spielen in der Mensch-Tier-Beziehung eine große Rolle: Zum einen beeinflussen sie Verhalten, zum anderen werden sie von der Mensch-Tier-Beziehung beeinflusst. „Mensch&Tier“ sprach mit Prof. Dr. John Dittami über diese Wechselwirkung und den aktuellen Forschungsstand.


1. Welche Rolle spielen Hormone für Beziehungen zwischen Menschen und Tieren?
Das Sozialverhalten und das Verhalten gegenüber der Umwelt hat große Auswirkungen auf den Körper – sowohl beim Menschen als auch bei Tieren. In Beziehungen spielen die Aspekte Emotionen, Bindung und Stress eine große Rolle, die eine unmittelbare Wirkung auf Hormone, die im Körper auf Gesundheit und Lebensqualität wirken, haben.

2. Wie lässt sich das auf die Mensch-Tier-Beziehung übertragen?
Aus Beziehungen versucht jeder, den besten Nutzen für sich selbst zu ziehen. Dies gilt auch für MenschTier-
Beziehungen. Dadurch entwickelt sich eine Art Tauschgeschäft: Der Mensch gibt dem Tier Nahrung und Streicheleinheiten und das Tier gibt dafür Gesellschaft und Zuneigung zurück. Auf diese Weise kann sich ein Abhängigkeitsverhältnis entwickeln, das durch Hormone vermittelt und in Verhalten ausgedrückt wird. Es entwickelt sich eine wechselseitige Erwartungshaltung zwischen Mensch und Tier: Der Mensch erhofft sich zum Beispiel Sozialkontakt, das Tier benötigt Futter. Sofern dieser physiologische Regelkreis für beide Seiten ausgeglichen ist, ist die Mensch-Tier-Beziehung eine gesunde Beziehung.

3. Welche Hormone spielen die größte Rolle bei der Mensch-Tier-Beziehung? Wie wirken sie?
Die bekanntesten Hormone sind Testosteron, Cortisol und Adrenalin, die besonders in Stresssituationen wirken.
Daneben spielen aber auch Oxytocin, mit Wirkung auf Sexualverhalten und Bindung, und Vasopressin, das Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System hat, eine wichtige Rolle. Bei Körperkontakt zwischen
Mensch und Tier kann man auch eine Auswirkung auf Prolaktin erwarten, das wiederum mit Wachstum und Altern verbunden ist. Die Wirkung der Hormone hängt aber vom sozialen Kontext ab: Je nach Situation können sie positive oder, bei Überausschüttung, negative Auswirkungen haben.
Vielen ist nicht bewusst, dass Beziehungen die Physiologie von Menschen und Tieren dauerhaft verändern können. Zum Beispiel werden durch Streicheln die Strukturen im Gehirn verändert und damit die Steuerungsmechanismen der Hormonausschüttung.

4. Welche Forschungsergebnisse gibt es zum Thema Mensch-Tier-Beziehung und Hormone? Auf welchen Gebieten besteht noch Forschungsbedarf?
Die meisten endokrinologischen Untersuchungen zeigen die positiven Auswirkungen der Mensch-Tier-
Beziehung auf Stresssituationen, das Herz-Kreislaufsystem und die Immunkompetenz der Menschen.
Bei all diesen positiven Effekten schenken wir den Risiken zu wenig Beachtung. Die Mensch-Tier-
Beziehung kann auch negative Effekte herbeiführen.
Sie kann zu Gewöhnung, Apathie bis hin zu psychischen Störungen bei Mensch und Tier führen. Diese Aspekte sind noch viel zu wenig untersucht. Hier haben wir erheblichen Nachholbedarf.
Inwieweit Tiere und Menschen aus der Beziehung miteinander profitieren, hängt also von der individuellen Art der Beziehung ab. Mitunter denke ich, dass nicht nur die Tiere, sondern auch einige Menschen erzogen werden müssen.

Kontakt:
Universität Wien Department für Verhaltensbiologie
john.dittami@remove-this.univie.ac.at