Beitrag Mensch&Tier

Dienstag, 14. Januar 2014

Zweihundert Liter Wasser und ein Schwarm bunter Fische – mehr Zutaten braucht es mitunter nicht, um erstaunliche pädagogische Erfolge bei Menschen mit Behinderungen zu erzielen.

Das ist das Fazit von Heilerziehungspfleger Jürgen Guttenberger, der in einer ausgelagerten Wohngruppe in Bayern 21 Menschen mit Behinderungen betreut. Um das Sozialverhalten der Bewohner zu verbessern, schlug er vor zwei Jahren als Experiment vor, ein Aquarium aufzustellen und gemeinsam zu pflegen. Die Behinderungen seiner Klienten sind seinen Angaben zufolge so unterschiedlich wie ihre Persönlichkeiten: Die meisten sind geistig behindert, viele auch körperlich, andere leiden unter psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depression.

„Ein Medium mit viel Potenzial“

„In unserer Arbeit ist es oft schwierig, die Stärken und Schwächen der Menschen in die richtigen Bahnen zu lenken“, sagt Guttenberger, der die Ergebnisse seines Experiments in der Zeitschrift „DATZ“ veröffentlichte. „Im Alltag den richtigen Ansatz für die einzelne Person zu finden ist nicht einfach, erst recht nicht im großen Miteinander. Das Medium Aquarium bietet hier so viel Potenzial, ist so unkompliziert als Werkzeug einzusetzen, so vielseitig und umfassend wie kaum
eines der mir bislang bekannten pädagogischen Mittel.“

Schon bei der Einrichtung des 200-Liter-Aquariums beobachtete Guttenberger, wie harmonisch die Bewohner zusammenarbeiteten. Die einen wuschen Kies und Steine, die anderen schnitten eine Rükkwandfolie zurecht, wieder andere quälten sich durch Gebrauchsanweisungen und nahmen den Filter in Betrieb. „Es war ein buntes, aber erstaunlich unkompliziertes Durcheinander mit einer wunderbaren Eigendynamik“, berichtet Guttenberger. „Auch beim Kauf der Fische gab es keinerlei abwertende Bemerkungen, sie wurden alle begutachtet und jeder auf seine Art als schön oder außergewöhnlich registriert.”

„Das Aquarium als Ruhepol“

Noch positiver wirkt sich aber die laufende Beschäftigung mit dem Aquarium aus – bei jedem auf andere Art und Weise. Guttenberger beobachtete, dass sich Sozialverhalten, Kommunikation und Auffassungsgabe der Bewohner deutlich verbesserten. Zurückgezogene Einzelgänger verlassen jetzt häufiger ihr Zimmer, sie nehmen am Gruppengeschehen teil und helfen sich gegenseitig bei der Arbeit. Eine Bewohnerin, die immer wieder durch verbale Übergriffe und Provokationen auffiel, kommuniziert plötzlich ohne Beleidigungen und mit Interesse an ihrem Gesprächspartner.

Eine andere liest gern ihren Mitbewohnern aus aquaristischen Broschüren vor. Ein Bewohner hat das Aquarium als Fotoobjekt entdeckt und kann so sein Bedürfnis nach sozialer Anerkennung stillen. Und ein geistig behinderter Mann, der aufgrund von Halluzinationen regelmäßig sedierende Medikamente erhielt, nimmt dank dem Medium Fisch kaum noch solche Mittel ein. Für ihn ist das Aquarium laut Guttenberger „eine Art Ruhepol“. Ein Ruhepol, der nur durch die gute Zusammenarbeit des gesamten Mitarbeiterteams ermöglicht und erhalten werden kann.

Kontakt:
Regens Wagner Lauterhofen, Jürgen Guttenberger
Karlshof 2, 92283 Lauterhofen, 09186/1790
www.regens-wagner-lauterhofen.de,
rw-lauterhofen@regens-wagner.de

 

 

Heilsame Mensch-Fisch-Beziehung

Die Psychologie der Mensch-Fisch-Beziehung und deren positive Effekte wurden bereits wissenschaftlich empirisch erforscht. In einer Studie der Universität Bonn berichteten Aquarienbesitzer unter anderem von folgenden bereichernden Erfahrungen (vgl. Bergler & Hoff, Psychologie der Mensch-Fisch-Beziehung bei Aquarienbesitzern, Regensburg):

  • Steigerung von Lebensfreude und Ausgeglichenheit
  • Gesundheitsförderung durch entspannende Wirkung
  • Vermittlung innerer Ruhe beim Betrachten, Problemablenkung
  • Wahrnehmung des Aquariums als faszinierende Traumwelt mit eigenen Gesetzen
  • Aquarium als Lernfeld für Kinder