Beitrag Mensch&Tier

Dienstag, 20. Oktober 2015

Die Neuropsychologin Dr. Stefanie Böttger arbeitet seit 2003 im Klinikum Harlaching in München mit tiergestützter Therapie. Warum Kaninchen für sie ideale Therapiehelfer im Krankenhaus sind, hat sie Mensch & Tier erläutert.


Frau Dr. Böttger, warum setzen Sie Kaninchen ein?
Unsere vier Zwergkaninchen Rudi, Luisa, Flöckchen und Mario haben eine ideale Größe, damit man sie Patienten auf den Schoß oder die Bettdecke setzen kann. So können motorisch eingeschränkte Menschen sie zwar spüren, die Tiere werden aber nicht zu schwer. Sie sind sehr zugewandt, reinlich und bemerkenswert einfühlsam. Zudem entsprechen Kaninchen mit ihren großen Kulleraugen und dem weichen Fell einem Kindchenschema, dem man sich nur schwer entziehen kann. Und genau das wollen wir erreichen: einen emotional attraktiven Reiz, der bei den Patienten Ressourcen aktiviert.

Welche Effekte beobachten Sie?
Die Wirkung der Tiere ist oft erstaunlich. Viele Patienten können einfache motorische Übungen auf Aufforderung nicht umsetzen. Kaum sitzt ein Kaninchen da, bewegt sich die Hand zum Tier. Dieser hohe Aufforderungscharakter motiviert beispielsweise halbseitig Gelähmte dazu, feinmotorische Bewegungen wie streicheln, bürsten und füttern zu üben. Auch Körperwärme, Herzschlag und Atmung der Kaninchen spricht in den Patienten etwas an. Meine Hypothese ist, dass Tierkontakt uralte, evolutionär bedingte Verknüpfungen im Gehirn aktiviert.

Wie reagieren Ihre Patienten auf die vierbeinige therapeutische Unterstützung?
Viele nutzen das Angebot sehr gern – und zwar quer durch alle Alters- und Bildungsstufen. Die Kaninchen werden gemäß einem Hygieneplan tierärztlich versorgt und geimpft, sodass es bei den meisten Patienten keine gesundheitlichen Bedenken für den Einsatz gibt. Auch den Angehörigen tut es gut, wenn die Patienten etwas Schönes erleben. Wir Ärzte und Neuropsychologen freuen uns natürlich über Erfolgserlebnisse, die auch die Heilung beschleunigen – ein wichtiger Faktor im heutigen Gesundheitssystem, in dem alle unter Zeitdruck stehen.

Wie geht es den Kaninchen dabei?
Wenn man beobachtet, wie entspannt, neugierig und lebensfroh unsere Stationstiere sind, gibt es keinen Zweifel an ihrem Wohlbefinden. Sie werden auf dem Wörnbrunner Begegnungshof des Vereins „Menschen brauchen Tiere“ artgerecht gehalten und kommen an zwei Tagen pro Woche mit einer Betreuerin zu uns auf die Station. Wird ein Kaninchen unruhig, darf es natürlich ins Gehege zurück – aber üblicherweise genießen sie die Aufmerksamkeit bei uns sichtlich. Und natürlich den Löwenzahn, den ich vor der Schicht regelmäßig für sie pflücke!

Kontakt: Städtisches Klinikum München
Neurologische Frührehabilitation l Dr. Stefanie Böttger
089 621 029 25 l stefanie.boettger@remove-this.klinikum-muenchen.de