Beitrag Mensch&Tier

Foto: Universität Bremen

Mittwoch, 03. Dezember 2025

Das Comeback des Einhorns

Einhörner, wohin man blickt: Auf Produkten für Kinder, aber auch in der Wissenschaft. Beispielsweise in der Ausstellung „Was da kreucht und fleucht. Tierdarstellungen in spätmittelalterlichen Handschriften der SuUB Bremen“, die 2024 an der Universität Bremen zu sehen war. Die Kulturhistorikerin Dr. Maria Hermes-Wladarsch hat die Ausstellung kuratiert und weiß, was es mit der Faszination des Fabelwesens auf sich hat.

Frau Dr. Hermes-Wladarsch, warum ist das Einhorn so beliebt?  

Das Einhorn fasziniert Menschen seit Jahrhunderten. Es ist aufgrund seiner Flexibilität eine Projektionsfläche für unsere Wünsche und Vorstellungen. In einer komplexer werdenden Welt steht das Einhorn für das Ursprüngliche, für Magie und Unschuld. Es ermöglicht uns, in einer als böse empfundenen Welt zum Guten zurückzukehren, zu einem Ort „hinter dem Regenbogen“, wo alles friedlich und übersichtlich ist. Dazu kommt die individuelle Dimension: Das Einhorn ist etwas Besonderes, etwas Einzigartiges, das wollen wir auch sein.

Wo liegt der Ursprung der Einhorn-Darstellung?      

Eine der frühesten Erwähnungen stammt aus dem fünften Jahrhundert vor Christus aus einem Reisebericht des griechischen Arztes Ktesias von Knidos: Das Einhorn sei ein edles Tier mit einem einzelnen Horn auf der Stirn, das Zauberkräfte besitzt und vor Vergiftungen schützt. Anschließend hat es eine kontinuierliche Tradition in Büchern. Im mittelalterlichen „Physiologus“, einem Vorgänger eines Tierlexikons, wird es als menschenscheues Wesen beschrieben, das sich nur im Schoße einer Jungfrau zähmen lässt; später wird diese ikonografisch zur Jungfrau Maria. Auch in späteren Naturenzyklopädien wird das Einhorn als Teil der realen Welt vorgestellt. In der Enzyklopädie des Niederländers Jacob van Maerlant haben die Einhörner aber wenig Ähnlichkeit mit der glitzernden Gestalt, die uns gegenwärtig in visuellen Medien, in Kinderbüchern und auf Spielzeug begegnet. Sie ähneln vielmehr ziegenähnlichen, fürchterlichen Wesen. 

Warum ist das Einhorn nun wieder aufgetaucht?   

Die Faszination, die das Einhorn auslöst, war nie verschwunden, sie hat sich nur gewandelt. Es ist seit seiner ersten Erwähnung beliebt. Ein wesentlicher Grund hierfür sind die ihm zugeschriebenen heilenden Wunderkräfte, die im Mittelalter als Allgemeinwissen galten. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war die Nachfrage nach Einhorn-Produkten sehr hoch. Erst im 18. Jahrhundert wurde das Tier entzaubert, als Heinrich Sander einen Übersetzungsfehler für seine Existenz in der Bibel ausmachte: Das re-em im Hebräischen, das mit monocheros – auf Latein  unicornus, auf deutsch Einhorn – übersetzt wurde, ist eigentlich ein Auerochse. Heute dominieren visuelle Reize die Erscheinung des Einhorns. Es kann jede Farbe und viele Erscheinungen annehmen und sich damit den Wünschen seines Schöpfers anpassen: Einmal ist es das rosa Glitzerwesen, das uns in nostalgische Verzücktheit geraten lässt und kleine Kinder begeistert, ein andermal ist es das schwarze, erschreckende Tier, dem die Faszination einer Gothic-Welt anhaftet. Das Einhorn ist längst Bestandteil unseres kulturellen Gedächtnisses.

Eine Publikation zur Kulturgeschichte des Einhorns im Spätmittelalter steht zum kostenlosen Download unter https://bit.ly/4hKDwQf bereit.

Staats- und Universitätsbibliothek Bremen | Dr. Maria Hermes-Wladarsch | hermes@remove-this.suub.uni-bremen.de