Interview mit Prof. Dr. Andrea Beetz von der IUBH„Haustiere gewinnen mehr Bedeutung als Sozialpartner“

Foto: Prof. Dr. Andrea Beetz

Dienstag, 15. Dezember 2020

Die Psychologin Prof. Dr. Andrea Beetz erläutert, warum die Nachfrage nach Haustieren in Deutschland in den letzten Monaten gestiegen ist. Als Präsidentin der International Society for Animal Assisted Therapy (ISAAT) berichtet sie außerdem über die Auswirkungen von Corona auf die tiergestützte Branche.  

Mit Beginn des Lockdowns im März 2020 stieg die Nachfrage nach Haustieren. Wie erklären Sie sich das?

Viele Menschen mussten von heute auf morgen von zu Hause aus arbeiten. Das normale Leben, Treffen mit Freunden, Ausgehen, brach zusammen. Viele haben darunter gelitten, dass ihre täglichen Sozialkontakte nicht mehr möglich waren. Diese Faktoren haben die Motivation, sich ein Haustier anzuschaffen, gefördert.

Sollte das Haustier die menschlichen Sozialkontakte ersetzen?

Ich würde nicht von ersetzen sprechen, sondern von ergänzen. Aus meiner Sicht ging es eher darum, einen zusätzlichen Sozialpartner zu haben. Hinzu kommt: Zu Beginn des Lockdowns kamen bei vielen Menschen Ängste und Sorgen auf, der emotionale Stress nahm zu. Aus Studien wissen wir, was viele intuitiv spüren: Haustiere können dem Menschen helfen, besser mit Stress umzugehen. Der Wunsch nach Körperkontakt spielte sicher auch eine Rolle. Und schließlich: Wer zuvor den ganzen Tag außer Haus war und vernünftigerweise kein Haustier hatte, verfügte plötzlich über genügend Zeit.

Was sind weitere positive Effekte der Haustierhaltung?

In den vergangenen Jahrzehnten wurden unzählige Studien durchgeführt. So wissen wir, dass durch den Körperkontakt mit Tieren Blutdruck und Herzfrequenz sinken, dass eine geringere Ausschüttung des Stresshormons Cortisol erfolgt und gleichzeitig eine größere Menge des Wohlfühlhormons Oxytocin in den Körper strömt, welches Stress und Angst reduziert und Wohlbefinden fördert. Bestätigt ist auch, dass die Präsenz von Tieren die verbale und nonverbale Kommunikation fördert. Studien belegen außerdem, dass insbesondere Hundebesitzer seltener unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden und seltener zum Arzt gehen.

In der tiergestützten Intervention nutzt man viele dieser Erkenntnisse. Welche Auswirkungen hat Corona auf dieses Berufsfeld?

Viele Einsätze konnten gar nicht oder nur eingeschränkt stattfinden – ein echtes Dilemma für die Fachkräfte und die Klienten. Lehrer, Pädagogen, Ergo- oder Psychotherapeuten mussten in ihrer Arbeit auf die positiven Effekte der tiergestützten Intervention verzichten – ihre Tiere aber weiterhin halten, füttern und schulen. Selbstständige hatten massive Verdienst-einbrüche. Berufliche Weiterbildung war nur noch in der Theorie möglich, Praktika mussten verschoben werden. Zahlreiche Forschungsprojekte stagnieren – fast das gesamte Berufsfeld der tiergestützten Arbeit ist stark von der Pandemie betroffen.

Sehen Sie in diesen besonderen Zeiten auch Chancen für die Branche?

Im Hinblick auf Fortbildungen und Forschung gehen wir teilweise neue Wege, vieles erfolgt online. Beispiel Fortbildungen: Dozenten, die für Vorträge nicht zur Verfügung standen, weil die Anreise zu weit war, präsentieren ihr Fachwissen online. Die Forschung wird sich, bedingt durch Corona und das steigende Interesse der Menschen an Haustieren, mit weiteren Aspekten der Mensch-Tier-Beziehung auseinandersetzen. Auch für jeden einzelnen Menschen sehe ich etwas Positives: Wir werden entschleunigt, haben mehr Zeit für uns selbst und sollten diese nutzen, um unsere Werte zu prüfen und gegebenenfalls neu zu definieren. 

Prof. Dr. Andrea Beetz l IUBH Internationale Hochschule l a.beetz@remove-this.iubh-fernstudium.de l www.iubh-fernstudium.de